Nachbericht Holzbautag 2017

19.05.2017
Bauen mit Holz im Stadtraum wird derzeit alltäglich. Holz war im urbanen Raum stets präsent, allerdings oft versteckt in Dächern, Geschossdecken, Innenausbauten und als Tragwerk unter verkleideten Fassaden. Die heute bestehenden neuen Baumethoden mit Holz und liberalisierte Vorschriften zum Brandschutz haben den Holzbau schrittweise vorwärts gebracht. Der Baustoff aus dem Wald erobert erneut den urbanen Raum.


Mehrgeschossige Holzbauten, Aufstockungen, Verdichtungen in bestehenden Quartieren oder Bautenzeilen – die trockene, rasche und störungsarme Montagebauweise mit Holz überzeugt die Architekturwelt, Bauherrschaften und Investoren gleichermassen. Mit Modulbauweisen ist ein effizienter Baubetrieb mit geringen Lärm- und Staubemissionen gewährleistet. Das im Verhältnis zur Leistung geringe Gewicht von Holzkonstruktionen erlaubt Aufstockungen wo dies ansonsten unmöglich schien. Es lässt dabei mehr zusätzliche Stockwerke zu, als es ein Massivbau erlaubt (Neue Fachliteratur: Aufstocken mit Holz – Verdichten, Sanieren, Dämmen. Markus Moser, Marc Forestier, Mélanie Pittet-Baschung, Charles von Büren. Birkhäuser Verlag 2014.).
Am Holzbautag 2017 in Biel kamen die Themen «Hohe Häuser», «Verdichten und erweitern» und «Grosse Projekte» zur Sprache. National und international anerkannte Spezialisten der Architektur und des Holzbaus - Raumplaner, Architekten und Ingenieure - loteten die Herausforderungen und das Potenzial der Trockenbauweise im städtischen Raum aus, skizzierten die aktuelle Situation und wagten Ausblicke in die Zukunft. Mit über 400 Teilnehmenden war dem durch die Berner Fachhochschule durchgeführten Anlass erneut ein grosser Erfolg beschieden.

Hohe Häuser
Gemäss den neuen Vorschriften der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen VKF ist in der Schweiz die Hochhausgrenze bei 30 Metern Höhe und einer Geschossfläche von 900 m2 mit einer Treppenanlage festgelegt. Für reine Holzkonstruktionen ist die Gesamthöhe auf 30 Meter limitiert. Letzteres entspricht einem Haus von acht Geschossen. Gemäss Jürg Degen vom Planungsamt des Kantons Basel-Stadt führt dies vermehrt zu Ersatzneubauten im oft fünfgeschossigen Bestand statt zu Aufstockungen. Er betonte aber, dass in Transformationsgebieten mit tragfähigen Gewerbebauten Aufstockungen durchaus eine interessante Option darstellen können.
Zu den typologischen, architektonischen und konstruktiven Überlegungen für das in Rotkreuz (Kanton Zug) entstehende erste Holzhochhaus äusserte sich Oliver Dufner von Burkard Meyer Architekten BSA, Baden. Dieses Bürogebäude zeichnet sich durch flexibel nutzbare Grundrisse aus und weist auch im Erdgeschoss eine offene Struktur mit mehreren möglichen Zugängen auf. Ein massiver Erschliessungskern sichert die horizontale Aussteifung und der Holzskelettbau mit Vollholzstützen und Unterzügen in Bau-Buche-Furnierschichtholz. In dieses Tragsystem werden Holz-Beton Hybriddecken mit integrierten Eco-Boost Systemdeckenelementen eingehängt. Dies dient der Kühlung, Heizung, Lüftung und Akustik der Räume. Eine abgestimmte Planung und Vorfertigung reduziert die Bauzeit deutlich. Die Fassadenverkleidung in Alucobond kaschiert aussen den Holzcharakter des Gebäudes und dient als Witterungsschutz.
In Kombination mit Stahl und Beton können gemäss den neuen Brandschutzrichtlinien (2015) Gebäude bis 100 Meter Höhe auch mit Einsatz von Holz erstellt werden. Ingenieur Pirmin Jung (Pirmin Jung Ingenieure, Rain) schilderte anhand von Beispielen aus dem In- und Ausland die sich aus Hochhausbauten ergebenden technischen Herausforderungen bezüglich Sicherheit in Bezug auf Brand und Erdbeben, Statik, Schallschutz und Akustik usw. Er zeigte auf, was die Unternehmen des Holzbaus bezüglich Materialeinkauf, Logistik, Produktion und Montage beim Bau von Hochhäusern zu beachten haben. Der hohe Grad an Vorfertigung verbunden mit kurzen Montagezeiten erhöhen gemäss Jung das Risiko für Schäden z.B. aufgrund der Witterung oder bei der Montage – eine Herausforderung der mit geplantem und angemessenem Schutz begegnet wird. Jung sieht mit dem Bau von Hochhäusern unter Einbezug von Holz im konstruktiven Bereich ein erhebliches Marktsegment für die Branche.

Verdichten und erweitern
Der Holzbau hat im Bereich der Sanierung, Aufstockung und Verdichtung einige Trümpfe auszuspielen. Als trockene Montagebauweise mit einem herausragenden Verhältnis zwischen Eigengewicht und Tragkraft ist das Bauen mit Holz für ein Verdichten im Bestand der geeignete Baustoff. Anhand aktueller Planungen für eine Wohngenossenschaft in Zürich, dem Ersatz eines dreigeschossigen Massivbaus in St. Gallen und einer grossmassstäblichen Aufstockung in Holz in einem innerstädtischen Hotspot Zürichs wurde dies eindrücklich dargelegt.
Beim Masterplan für die grosse Siedlung Friesenberg der Familienheim-Genossenschaft Zürich FGZ sind es vor allem die neuen Lebensgewohnheiten der Bewohner, welche die Neuplanung und angestrebte Verdichtung um 700 Wohnungen der seit 90 Jahren bestehenden Bauten notwendig macht. Das heute schwach genutzte, vom öffentlichen Verkehr gut erschlossene Areal in städtischer Lage neu und intensiver zu nutzen und die soziale Durchmischung zu erhalten scheint dabei ein Gebot der Vernunft. Der Präsident der FGZ Alfons Sonderegger schilderte die dabei zu überwindenden Hürden von Seite Planung und Behörden.
Bautechnische und architektonische Fragen standen im Mittelpunkt der Präsentationen von Ingenieur Ivan Brühwiler (Josef Kolb AG, Romanshorn) und Yves Schihin (burkhalter sumi architekten, Zürich). Beim Projekt Röschstrasse St. Gallen wurden drei bestehende Stockwerke rückgebaut und die im Untergeschoss verbliebene Betonstruktur als Fundament für fünf neue Wohngeschosse in Holz genutzt, der bestehende Stützenraster wurde übernommen. Durch das im Vergleich zu Massivbau geringe Konstruktionsgewicht der Holzbauweise liess sich ohne aufwendige Verstärkungen eine maximale Nutzung im Bestand erzielen.
Beim Bahnhofareal der S-Bahn im Zürcher Quartier Giesshübel konnte ein sehr tragfähig gebauter, massiver Sockelbau um vier Geschosse in Holzkonstruktion aufgestockt werden. Dies entspricht einer um 300% erhöhten Ausnutzung. Das Projekt von burkhalter sumi architekten (Zürich) zeigt nicht nur, wie eigentlich technisch einfach eine solche Aufstockung aus Holz zu bewältigen ist. Die an diesem Ort im Zentrum Zürichs so erreichte Verdichtung zahle sich, so Schihin, auch als Investition aus, denn entstanden sind einzigartige Stadtappartements die ein hohes Mietpreisniveau erlauben – eine echte «unique selling position».

Grosse Projekte
In der Schweiz sind Grossprojekte mit Holz im urbanen Raum nicht mehr überall Neuland. In Zürich ist auf dem Areal des ehemaligen Zollfreilagers ein neues Quartier geplant und gebaut worden. Aufgrund eines städtebaulichen Konzepts von Meili & Peter Architekten, Zürich wurden dort zwölf Gebäude mit nahezu tausend Wohnungen realisiert. Drei Langhäuser in Holzbau  und drei Turmhäuser in Massivbauweise projektierte Architekt Rolf Mühlethaler, Bern. Die klare Anordnung der Bauten erzeugt angenehme Aussenräume und die Wohnungen verfügen über einen hohen Gebrauchswert. Die Holzbauten sind durch Erschliessungskerne aus Beton versteift, die Holzbauelemente sind durchgehend systematisiert und standardisiert. Mühlethaler betonte, dass dies zu vergleichsweise günstigen Erstellungskosten führte.
Ein derart grosses Projekt mit Holz bedingt eine optimal abgestimmte Prozessorganisation für die Fertigung. Der technische Berater und Holzbautechniker Philemon Ruf von der ausführenden Firma Renggli in Schötz legte die entsprechenden Arbeiten dar. Für die drei Langhäuser in Holzbauweise wurden rund 8500 Elemente für Decken, Wände und Böden produziert und montiert. Die damit verbundenen Arbeiten nahmen ein Jahr in Anspruch. Alle Elemente waren just in time zu liefern, die übrige Produktion der Firma Renggli musste gleichzeitig weiterlaufen. Für die phasenweise organisierte Montage war ein sechsköpfiges Team vor Ort tätig. Das Projektteam minimierte die Rüstzeiten, stimmte Maschinen und Anlagen auf deren Verfügbarkeit ab, verkürzte Materialflüsse und minimierte die Umlauf- und Lagerbestände. Diese Prozesse konnten laufend optimiert werden.

Ausblick
Die bauliche Verdichtung bedeutet eine grosse Herausforderung für die heutigen und die kommenden Generationen. Christine Seidler, Dozentin für Urbanismus und Mobilität an der Berner Fachhochschule plädierte klar für eine qualitative Verdichtung basierend auf Weitsicht sowie auf einer umsichtigen Bau- und Planungskultur. Verdichten im Bestand ist nicht allein ein bautechnisches Problem sondern betrifft auch soziale Fragen und beeinflusst die urbane Lebensqualität. Seidler plädierte dafür, dabei den gemeinnützigen und kostengünstigen Wohnungsbau zu fördern und so eine Gentrifizierung (Yuppisierung) zu verhindern. Sie sprach davon, eine «enkeltaugliche» Verdichtung mit hoher Lebensqualität anzustreben und zu leisten und Orte zu schaffen, die eine Identität aufweisen und lebenswert sind.
Wie in der Stadt München rasch kostengünstiger Wohnraum realisiert wurde demonstrierte Architekt Florian Nagler (Florian Nagler Architekten, München/DE). Über dem bestehenden Parkplatz am «Dantebad» wurde innerhalb eines Jahres ein hundert Meter langer, fünfgeschossiger Wohnbau mit zahlreichen Kleinwohnungen geplant und gebaut. Die darin liegenden Einzimmerappartements und 2 1/2-Zimmerwohnungen sind über Laubengänge und für je drei Wohnungen vorgelagerte, kleine und möblierbare Nischen erschlossen. Es gibt dort zudem ein nützliches Angebot an Gemeinschaftsräumen, ein Waschcafe und eine Dachterrasse mit Spielflächen, Liegedecks und Raum für «urban gardening». Das Haus schwebt sozusagen auf einer die Parkplätze überbrückenden Struktur aus Stahlbeton, hat in kurzer Zeit zu aktiv gelebter Nachbarschaft geführt und fügt sich bestens ins Quartier ein.

Fazit
Seit einiger Zeit geht die Entwicklung bezüglich neuer Gebäude für Wohnen, Arbeit oder Dienstleistung hin zur Verdichtung und zu grossvolumigen Bauwerken. Mehrgeschossige Bauten bieten im Blick auf die beschränkten Landressourcen sinnvolle Lösungen, Hochhäuser sicherlich zuerst im Bereich der Arbeitswelt. Aus unterschiedlichen und guten Gründen die am Anlass detailliert dargelegt wurden, spielt Holz dabei eine zunehmend tragende Rolle.
In der Publikumsdiskussion kamen vor allem bau- und fertigungstechnische Fragen zur Sprache. Diese sind wichtig und sicherlich für Fachleute interessant. Doch Architekt Yves Schihin plädierte in seinem Statement zum Abschluss, nicht ganz zu Unrecht, dafür, den Holzbautag auszuweiten und auch für Investoren und künftige Bauherren zu öffnen und interessant zu machen. Sie müssten die Argumente, wie sie René Graf, Direktor des Departements Architektur, Holz und Bau der Berner Fachhochschule BFH / AHB in seinen Begrüssungsworten äusserte, hören und verstehen: «Hoch hinaus, weit gespannt, flexibel, sicher, effizient und intelligent eingesetzt - das sind die Attribute, die zu modernen Holzbauten gehören. Aus dem aktuellen Trend soll eine neue Selbstverständlichkeit werden.»

Der nächste Holzbautag Biel der BFH findet am 17. Mai 2018 in Biel statt.

 

Weitere Auskünfte
Berner Fachhochschule
Architektur, Holz und Bau
Hanspeter Kolb
Telefon +41 32 344 02 11
E-Mail hanspeter.kolb(at)bfh.ch
ahb.bfh.ch/holzbautag

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Giesshübel Zürich: Vier Geschosse aus  Holz auf einem bestehenden, massiven Sockelbau.  Das Projekt von Burkhalter Sumi Architekten schuf in zentraler Lage eine neue Identität für ein traditionelles Quartier.Bild: Burkhalter Sumi

Giesshübel Zürich: Die klaren Grundrisse mit zweiseitiger Beleuchtung weisen einen hohen Wohnwert auf.
Bild: Burkhalter Sumi / Heinz Unger
Giesshübel Zürich
Die Schweizer Brandschutzvorschriften lassen seit 2015 Holz in allen Gebäudekategorien und Nutzungen zu. Selbst Hochhäuser mit Holzbauteilen sind neu möglich. Jetzt entsteht das erste Holz-Hochhaus der Schweiz in Risch Rotkreuz im Kanton Zug. Architektur: Burkard Meyer, Baden. Bild: Rendering zvgIm Freilagerareal Zürich wurde 2016 nach dem Gestaltungsplan von Meili & Peter Architekten ein neues Wohnquartier gebaut. Drei langgezogene, sechsgeschossige Wohnhäuser nach den Plänen von Architekt Rolf Mühlethaler, Bern bestehen aus Holz.
Bild: Michael Meuter, Zürich / Lignum
Produktion und Logistik für Transporte und Montage waren beim Projekt Freilager Zürich für die Holzbaufirma Renggli eine grosse Herausforderung. Rund 8500 Elemente für Decken, Wände und Böden produziert und montiert. Bild: Renggli SchötzRené Graf, Direktor Berner Fachhochschule Architektur, Holz und Bau begrüsst zum Holzbautag Biel
Christoph Starck, Lignum Holzwirtschaft Schweiz, Zürich, begrüsst zum Holzbautag Biel Blick in den vollen Saal im Bieler Kongresshaus
Podiumsdiskussion am Holzbautag BielBlick in die Fachausstellung