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Seit ihren Anfängen war Architektur auch eine Sprache, bestehend aus Mythen, Bildern und Typen. Was ist davon übrig geblieben? Welchen Stellenwert nimmt Sprache in der Architektur ein, wie wird sie konzipiert und worin liegt ihre gesellschaftliche Bedeutung?
 

«Die Sprache der Architektur»

Vortragsreihe der BFH-AHB im Frühling 2010
Charles Holland, London. 18. März, Bern.

Gleich der Schreibkunst war die Architektur in ihren Anfangsgründen ein Alphabet.

Victor Hugo, Der Glöckner von Notre-Dame

 

In seinem Roman «Der Glöckner von Notre-Dame» (1831) prophezeit Victor Hugo das Aussterben des Monuments als Sprache: «Dieses wird jenes töten.» Mit «diesem» ist das Buch gemeint, mit «jenem» das Monument. Der Schriftsteller sollte Recht behalten; zumindest, was seinen Kulturkreis anbelangt und den Analphabetismus der Architektur:

Während der Industrialisierung machte die Rolle der Architektur als Bedeutungsträgerin zunehmend einer technokratischen, funktionalistischem Sichtweise Platz. Mit dem International Style brachte die Architektur-Elite schliesslich eine Architektur hervor, die in solchem Ausmass abstrakt war, das sie überall stehen konnte – laut Kritikern nicht, weil sie universell war, sondern weil sie nirgendwohin gehörte. Es folgten der zweite Weltkrieg und das Ende der westlichen Kolonialherrschaften und mit ihnen das erste Aufbegehren gegen das vorherrschende Bedeutungsvakuum. In Architektenkreisen äusserte sich diese Rückbesinnung in vielfältiger Form: Aldo van Eyck entdeckte bei einem Besuch in Mali die «beseelten» Bauten der Dogon, deren Bedeutungsfülle er in seine Architektur zu transferieren versuchte. In den geschichtsträchtigen Städten Italiens machte sich ein wiedererlangtes Interesse an der historischen Analyse breit, dass in Typologie-zentrierten Entwurfsmethodiken mündete. Unter Einfluss der Theorien von Linguisten (langue et parole) und vor allem der «strukturalen Anthropologie» von Claude Lévi-Strauss suchten die Niederländischen Strukturalisten nach der polyvalenten Form, in der zugleich Wandel und Dauerhaftigkeit vereint sind. Mit seiner «Pattern Language» entwickelte schliesslich Christopher Alexander eine universelle Mustersprache für die Komposition einer humanen Architektur.

All diese Versuche sind gescheitert – so zumindest lautet der Tenor der nachfolgenden Generationen: Das «learning from ... » – seien es nun die Dogon, das «vernacular» oder später die Populärkultur – resultierte in einer oberflächlichen Kopie der betreffenden Bildsprache. Die Typologie als Grundlage für sich entwickelnde Vielfalt, wurde zum abstrakten Ideal. Der Strukturalismus strandete in unmenschlichen und ahistorischen Megastrukturen und Alexanders Mustersprache erwies sich als starr und nicht transferierbar, weder in andere Kulturen noch in gebaute Beispiele.

 

Aktualität & Fragestellung

Die Nivellierung durch die westliche Globalgesellschaft vor der Claude Lévi-Strauss vor 50 Jahren gewarnt hatte, ist heute mehr und mehr eine Realität. Gemäss Prognosen sollen im Lauf der nächsten ein bis zwei Generationen Zweidrittel aller Sprachen der Welt verschwinden (Florian Coulmas, NZZ, 12.11.2009). Ein ähnlicher Prozess ist in der Baukultur zu beobachten. Gleichzeitig ist der semiotische Ansatz im aktuellen Architekturdiskurs so gut wie inexistent. Vor diesem Hintergrund und anknüpfend an den Diskurs der 50er bis 70er Jahre widmet sich die Vortragsreihe «Die Sprache der Architektur» einer der ursprünglichsten Fragestellungen der Architektur:

Wie wird Architektur gelesen? Welchen Stellenwert nehmen Sprache und Bedeutung in der Architektur (heute) ein und wie sind diese konzipiert? Inwiefern kann in der Architektur von einer Grammatik die Sprache sein, die im Sinne einer Regel und Struktur erst Vielfalt und Bedeutung generiert? Gibt es universelle Forme(l)n? Oder ist Bedeutung nur aus dem spezifischen zeitlichen und örtlichen Kontext heraus möglich?

Referenten und Daten

 

18. März 2010, Charles Holland, FAT, London (englisch):

«All you can Eat»

Das Londoner Architekturbüro FAT (Fashion Architecture Taste) wurde 1995 gegründet und wird von den drei Partnern Sean Griffiths, Sam Jacob und Charles Holland geleitet. Fat gilt als eines der wenigen zeitgenössischen Architekturbüros, das stolz darauf ist, seine Arbeit als postmodern zu bezeichnen. Von der Geschichte und der Populärkultur inspiriert, forschen Fat nach einer «einschliessenden» und lesbaren Architektur, die zugleich ironisch und tiefsinnig ist. Neben ihrer Arbeit als Architekten sind die Partner von Fat auch als Künstler, Forscher, Architekturkritiker und in der Lehre tätig, aktuell als Gastprofessoren an der Universität von Yale.

www.fashionarchitecturetaste.com

 

Nächster Vortrage der Reihe:

 

29. April 2010, Sylvain Malfroy, Neuchâtel:

«Die Lesbarkeit von Stadt und Territorium»

Sylvain Malfroy (*1955) ist Kunsthistoriker mit Schwerpunkt Geschichte der Architektur und des Städtebaus. Mit seinen Forschungsarbeiten und Publikationen, namentlich zur «typologischen Methode» des italienischen Architekten Saverio Muratori und zum Verhältnis von Stadtstruktur und Gebäudetypologie, leistete er einen bedeutenden Beitrag zum architekturtheoretischen Typologie-Diskurs. Neben diversen Lehraufträgen an den Fachhochschulen in Fribourg, Neuchâtel und Winterthur, ist er Bildredaktor beim Historischen Lexikon der Schweiz und selbständiger Gutachter im Bereich Stadtprojekt und Denkmalpflege.

Datum und Zeit

18. März 2010, 18.30 Apero, 19 Uhr Vortrag

 

Ort

Kornhausforum, Kornhausplatz 18, Bern